In letzter Zeit beobachte ich eine Entwicklung, die mich sehr zum Nachdenken angeregt hat. Im November 2007 startete die Universität Frankfurt ein Experiment mit einigen Geschäften, bei dem die Kunden den Preis für die Ware oder Dienstleistung festlegen konnten (Zahle-was-du-willst). Das Experiment war ein voller Erfolg, das teilnehmende Restaurant Kish hat das Konzept übernommen und bietet inzwischen ständig ein Mittagsbuffet an, bei dem der Gast den Preis bestimmen kann.
Im Internet sehe ich eine ähnliche Entwicklung. Anbieter von Freeware bitten um monetäre Unterstützung (z.B. IrfanView), aber auch viele Open Source Projekte (z.B. Joomla!) setzen nicht ausschließlich auf die freiwillige Mitarbeit der Entwickler, sondern bitten die Nutzer um Unterstützung (Make a Donation). Wohlgemerkt, auch hier wird auf die Freiwilligkeit gesetzt.
Was bewegt die Unternehmen dazu, auf die Freiwilligkeit der Bezahlung zu setzen? Ausgangspunkt der Überlegung ist die Tatsache, dass der Preis einer Ware (aus Sicht des Verkäufers) nicht immer mit dem Wert der Ware (aus Sicht des Käufers) übereinstimmt: Ein Glas Wasser ist mehr wert, wenn man Durst hat, als wenn man gerade einen Liter getrunken hat. Für den Verkäufer ist es allerdings extrem schwierig, den Wert in den Augen des einzelnen Käufers zu ermitteln. Hier setzt die Idee des Zahle-was-du-willst Konzepts an: Der Käufer weiß, was ihm eine Ware wert ist. Es wird davon ausgegangen, dass der Käufer bereit ist, einen fairen Preis zu bezahlen, der den individuellen Wert widerspiegelt. Dieser Preis kann unter den Vorstellungen des Verkäufers liegen, aber auch darüber, so dass der Durchschnittspreis idealerweise der Vorstellung des Verkäufers entspricht oder darüber liegt.
Ein anderer Punkt ist die Tatsache, dass eine derartige Aktion tendenziell mehr Kunden dazu bewegt, die Ware zu kaufen, da der Kauf risikolos ist – bei Nichtgefallen kann ein niedriger Preis bezahlt werden. Gegebenenfalls kann durch die höhere Anzahl von Käufern auch ein niedrigerer durchschnittlicher Preis aufgefangen werden, da das Volumen höher ist.
Und im Internet? Hier gilt das oben gesagte analog, mit zwei Anmerkungen: Durch die Anonymität im Internet ist der moralische Druck, einen fairen Preis zu zahlen, geringer. Ich vermute, dass ein höherer Prozentsatz der Nutzer das Angebot kostenlos nutzt als dies in einem traditionellen Geschäft der Fall ist. Durch die hohe Reichweite des Internets ist die potenzielle Anzahl der Nutzer allerdings sehr hoch, so dass selbst ein kleiner Prozentsatz von zahlenden Nutzern mit einem geringen durchschnittlichen Preis zu einem hohen absoluten Betrag führen kann, welches auf die Idee des Long Tail Konzepts hindeutet. Ich habe leider keine Informationen, wie hoch die freiwillig gezahlten Preise im Internet sind oder ob sich dieses Geschäftsmodell tatsächlich rechnet. Hier nehme ich Beiträge und Kommentare gerne an!